Computer-Schach

24. Juli 2011

Nachtrag zum Thema Crowdfunding:
Mumble-Core-Regisseur Andrew Bujalskis (dessen Beeswax ich auf der Berlinale vor zwei Jahren sehr mochte) versucht, Geld für sein nächstes Projekt aufzutreiben. Und der klingt für mich auch unabhängig vom Namen des Regisseurs sehr interessant: Es geht um die Programmierer von Schachcomputern in den 80-er Jahren:

„As computers were exploding into the public sphere, and regular folks were just getting used to seeing them in the workplace, or home, a group of geniuses at the vanguard of the technology were trying to teach it what seemed like an almost unimaginable skill — could these machines, these glorified calculators, ever conquer the human world champion in chess?“

Die Spenden sind natürlich von der Steuer absetzbar. (via Lukas Foerster)

Einundzwanzig Euro und zwölf Cent. So viel haben die bisher 33 Unterstützer des Projekts durchschnittlich gezahlt, insgesamt rund 700 Euro. Viele von ihnen sind Freunde und Familie von Regisseur Tom Lass, aber auch einige Unbekannte. 2.180 Euro müssen es werden, um einen Teil der Kosten für die Musikrechte für den Film Papa Gold zu decken. Dafür bleiben noch dreißig Tage, als Motivation können sich potenzielle Geldgeber nur einen flott geschnittenen Trailer ansehen. „Die Hälfte der Zeit für das Crowdfunding ist schon rum“, sagt Tom Lass (27) in einem Interview per E-Mail, „es bleibt also spannend. Ich habe mir sagen lassen, dass der größte Teil des Geldes immer gegen Ende kommt.“

Es wäre dem Film zu wünschen, dass die Finanzierung noch klappt. Papa Gold erzählt von einem promiskuitiven Slacker in Berlin, gespielt von Lass selbst, der seit zehn Jahren nicht mit seiner Mutter gesprochen hat und dessen Stiefvater (der Theaterschauspieler Peter Trabner, durchaus eine Entdeckung) plötzlich vor der Tür steht, um das zu ändern. Gedreht mit nicht wackelnder Handkamera und für den sagenhaft niedrigen Betrag von 2.500 Euro, ist Papa Gold eine stimmungsvoll und mit Blick für den Berliner Szene-Lokalkolorit inszenierte Geschichte über das Erwachsenwerden – eines jener Projekte, bei denen man den Eindruck bekommt, die Beteiligten hätten einen guten Teil ihres eigenen Lebens verfilmt.

Regisseur Lass schwört auf Improvisation und, so nennt er es, auf eine „umgedrehte Herangehensweise“. Man nimmt die Drehorte, die zur Verfügung stehen, und passt das Skript entsprechend an. So kam es zu einer Szene in einer Zahnarztpraxis.

Ein Erotikfilm mit Anspruch, ein Wuppertal-Krimi mit Schwebebahn, eine Science-Fiction-Parodie mit Nazis

Nur bei der Musik ist das Sparen schwierig, da gibt es Verwertungsrechte und Verträge, die ausgehandelt werden wollen. Einzig dafür wurde die Crowdfunding-Maschine angeworfen, der Film selbst ist längst abgedreht und geschnitten. Die Musik von Bands wie The Bran Flakes, Cuckoo Chaos und Height with Friends dient hauptsächlich in mehreren Montagesequenzen als Untermalung: ein spaßiger Einkauf im Supermarkt, Melancholie nach dem Rausschmiss, auch mehrere Mädchen-wechsel-Dich-Sexszenen (mit nackter Haut ist Papa Gold durchaus großzügig, ebenso mit Jump Cuts, die es in fast jeder Szene gibt). Lass sagt, er könne sich „diesen Film nicht komplett ohne Musik vorstellen. Einzelne Tracks könnte man eventuell austauschen, aber einige Lieder sind so einzigartig und der Schnitt so auf sie abgestimmt, dass es sinnlos und falsch wäre“.

In der in Deutschland noch sehr jungen Crowdfunding-Szene (das Portal startnext.de ging erst im vergangenen Oktober online) ist Papa Gold ein Sonderfall; nicht nur wegen des verhältnismäßig kleinen Betrages von gerade etwas über zweitausend Euro, sondern auch, weil der Film schon fertig ist.
Andere wollen erst noch gedreht werden, wie der Erotikfilm (mit Anspruch!) Hotel Desire mit Anna Maria Mühe. Mit großen Namen verbinden sich auch gleich größere Summen. 170.000 Euro sollen gesammelt werden, dafür wird kein Portal wie startnext.de benutzt, sondern eine eigene Webseite, auf der man als Appetitanreger zwei Minuten lang einen nackten Frauenkörper unter der Dusche sehen kann. Und dahinter steht kein 27-Jähriger, der den Film einsam und allein in seiner Wohnung schneidet, sondern die Produktionsfirma Teamworx.

Ähnlich geht der Wuppertal-Krimi (mit Schwebebahn!) King Ping vor, allerdings ohne nackte Frau, dafür mit jeder Menge Anleihen beim Film Noir. King Ping hat ein veranschlagtes Budget von 1,2 Millionen Euro, die auch auf herkömmlichen Wegen, einschließlich Product Placement, aufgebracht werden sollen.

Als Dankeschön erhalten die Förderer in der Regel T-Shirts, ein Treffen mit der Crew oder eine namentliche Erwähnung am Ende des Films. Letzteres kostet bei Papa Gold 61 Euro, bisher hat aber noch niemand so viel auf einmal gezahlt. Bei Hotel Desire schlägt das Abspann-Mäzenatentum mit 250 Euro zu Buche, bei King Ping sogar mit 500 Euro – dafür springt dann aber auch ein kurzer Auftritt im fertigen Film heraus.

Tom Lass: „Die Masse geht ein größeres Risiko ein als ein kalkulierender Produzent.“

Die Gleichung „Filmfinanzierung gegen Komparsenrolle“ ist aber nicht so leicht, wie sie sich anhört. Und ordentliches Crowdfunding zu veranstalten ist nicht unbedingt weniger kompliziert, als einen Förderantrag auszufüllen. Die Macher der Science-Fiction-Satire Iron Sky (mit Nazis!) basteln seit Jahren an ihrem Werk und haben jüngst in einem Blogbeitrag detailliert ausgeführt, wo die Schwierigkeiten liegen. Sie hatten es nicht geschafft, über das Internet 300.000 Euro aufzutreiben. Ihr Fazit:

„Crowd Funding is not the goldmine of Internet filmmaking. It takes a huge heap of hard work, a lot of spamming, a realistic goal, and a very clear message.“

Für Tom Lass besteht die Schwierigkeit darin, das eigene Projekt bekannt zu machen: „Unser größtes Problem ist, dass wir noch keinerlei Fan-Base haben. Weder im Internet noch sonstwo. Ein Musiker, der schon Youtube Videos mit durchschnittlich 100.000 Views hat, kann über die gleichen Kanäle viel effektiver Crowdfunding betreiben als wir.“
Dennoch ist er optimistisch: „Ich gehe davon aus, dass Crowdfunding einen hohen Stellenwert bei künftigen Filmproduktionen einnehmen wird. Es könnte für ungewöhnlichere Projekte eine Chance sein, die auf herkömmlichen Wegen nie finanziert werden würden. Die Masse geht eventuell unterbewusst ein größeres Risiko ein als ein kalkulierender Produzent.“
Und weiter: „Außerdem wäre nicht mehr alles in den Händen verschiedener Fördergremien. Wichtig ist, dass Crowdfunding nicht den Charme der jungen Idealisten verliert, wenn es von etablierten Firmen als Werbestrategie missbraucht wird. Außerdem darf die Qualität der beworbenen Projekte nicht sinken, wenn irgendwann jeder darin eine schnelle Einnahmequelle sieht.“

Bleibt die ganz grundsätzliche Frage, warum man als Konsument neben den Kino-Eintrittsgeldern und DVD-Leihgebühren weiteres Geld für Filme ausgeben sollte. Startnext begründet das mit dem Anspruch, ein Instrument zur Mitgestaltung der Kulturlandschaft zu sein. Die Science-Fiction-Filmer von Iron Sky haben eine wesentlich simplere Antwort parat. „Hauptsächlich“, so erklären sie selbstbewusst in ihrer Projektbeschreibung, „weil es der coolste Film dieses Jahres werden wird.“

The Tree of Life

1. Juni 2011

trees.jpg

„Da oben wohnt Gott“, sagt die Mutter (Jessica Chastain) und zeigt in den Himmel; dann hebt auf der Tonspur die Moldau an. Da schlucke ich dann doch und denke, Mr Malick, was ist denn da mit Ihnen durchgegangen? Die folgende Growing-Up-Sequenz, untermalt von der vorwärtsdrängenden, sprudelnden, lebendigen Musik Smetanas, gehört aber zu den schönsten Szenen dieser Art, die ich jemals gesehen habe. Junge Brüder im gemeinsamen Spiel, fließende Bewegung, zärtliches Licht. Es ist, wie so oft bei Malick, eine Vision des Paradieses. Gott hin oder her, das hier ist pure Schönheit.
Eine Schönheit, deren Kraft in der fließenden Montage von Bildern liegt, die jedes für sich durchaus – wie ja auch Smetanas Moldau – als kitschig gelten dürfen: Hände streifen über Gräser, Frauenhaar im Gegenlicht, ein Kamerablick entlang der Bäume, hoch in den Himmel. Die über Gräser streifenden Hände und die Baum-Bilder sind spätestens seit The Thin Red Line (1998) ein Erkennungsmerkmal Malicks geworden, fast so selbstgenügsam wie die Cameo-Auftritte Hitchcocks oder die Kameraeinstellungen aus Deckenlampenperspektive bei Scorsese.
Im zweiten Handlungsabschnitt von Tree of Life, der in der Jetzt-Zeit spielt und in dem Sean Penn durch moderne Hochhausfluchten und karge Wüstenlandschaften irrt, greift Malick den Blick auf die Bäume wieder auf und setzt die exakt gleiche Perspektive ein, um Hochhäuser zu filmen, Bürostahltürme, die hier wirken wie aus einem Science Fiction Film. Ist es wirklich dieser einfache Antagonismus, auf den der Film hinauswill? Natur und Zivilisation? (Oder deutet die Parallelität nicht auf einen Gegensatz, sondern auf eine Verbindung hin, eine Raum und Zeit unfassende Harmonie?) Man sah das schon in The New World (2005), wo die akkuraten englischen Gärten mit der wild wütenden Flora und Fauna des gerade entdeckten Amerika kontrastiert wurden. In Tree of Life wirkt es noch einmal dicker aufgetragen.

Szenenbild_10(700x503).jpg

Ein weiterer, ebenso deutlich herausgearbeiteter Gegensatz scheint diese These zu stützen: Vater und Mutter manifestieren sich als ganz, aber wirklich ganz grundsätzlicher Unterschied zwischen Männlichem und Weiblichem. Der eine, gespielt von Brad Pitt, erzieht seine Söhne mit vielen Taten und Worten zu Härte („Hit me, son, hit me hard!“), die andere bildet schweigsam (Jessica Chastain hat insgesamt kaum drei Sätze Dialog zu meistern) und passiv den ruhenden Gegenpol bedingungsloser Liebe. „Du kannst nur glücklich sein, wenn du liebst“, sagt sie einmal aus dem Off, der Satz ist so etwas wie die Quintessenz des ganzen Films, wenn man ihn denn überhaupt auf eine Formel bringen kann. Die Szene, wenn der Vater auf Dienstreise ist und die Kinder mit der Mutter unbeschwert um das Haus toben, ist ein Akt der Befreiung, ähnlich schön anzuschauen wie die zuvor erwähnte Growing-Up-Sequenz. Die Harmonie mit der Natur wird nur selten gebrochen, etwa wenn ein Tankwagen durch die Straße fährt und schwadenweise DDT versprüht, während die Kinder fröhlich durch die hochgiftigen Pflanzenschutzmittel-Wolken hüpfen.
Das DDT ist neben den Autos und der Kleidung der Personen ein Hinweis darauf, wann dieser Teil der Handlung spielt: in den 50-er Jahren, in Texas, in einer durchschnittlichen Mittelstandsfamilie mit drei Kindern. Ziemlich am Anfang des Films gibt es einen zeitlichen Vorgriff, in dem die Mutter die Nachricht vom Tod eines der drei Söhne erhält (in einem Krieg?). Dann folgen immer wieder Wechsel zu Sean Penn, der als erwachsen gewordener Erstgeborener mit sich hadert.
Von der dritten Ebene ist schon viel Raunendes geschrieben worden: Es sind die 20 Minuten, in denen nichts weniger als die Entstehung der Welt gezeigt wird, vom Urknall über Einzeller, Amphibien, bis zu den Sauriern (und deren Auslöschung, man sieht den dafür verantwortlichen Meteoriten in die Erdatmosphäre eintreten). Die drei ineinander verwobenen Teile unterscheiden sich in ihrem Zeitrahmen, nicht aber in ihrer Erzählhaltung. Immer sind es assoziative Montagen, kaum Dialog, Handlung wird nur angedeutet (der Tod des einen Sohnes, der Saurier, der seine Wunde betrachtet, die Frage, warum der Vater seinen Job verliert, Sean Penn, offenbar ein Architekt oder Bauunternehmer, der desinteressiert auf Pläne schaut, der Saurier, der sich entscheidet, seinen Kontrahenten nicht zu töten). Interpretierbare Substanz wird nicht zuletzt, auch das ein Malick-Signum, mittels mehrstimmiger Off-Kommentare transportiert, hier sind es Vater, Mutter, der Sohn als Kind und der Sohn als Erwachsener, die zu Wort kommen.

Szenenbild_07(700x466).jpg

„Grace“ ist ein zentrales Wort dieser Off-Erzählungen, in den Untertiteln als „Gnade“ übersetzt. Gemeint sein könnte aber auch die Anmut, ein Wort, das Malicks Bilder gut beschreiben würde. Darunter geht allerdings der Blick für Details verloren. „Wir müssen das hier und das ändern”, sagt Penn einmal mit einem flüchtigen Fingerzeig auf einen Bauplan. Da ist der Film genauso desinteressiert wie die Figur. In The New World hatte man noch den Eindruck von historischer Akkuratesse – das Fort, der Schlamm, die Lebensumstände damals –; in The Thin Red Line bekam das Kriegshandwerk eine nicht unerhebliche Aufmerksamkeit, es gab spannende und aufwühlende Szenen wie die blutige Eroberung eines Hügels. Und man hatte den Eindruck, dass die Figuren wussten, von was sie redeten. Hier jedoch geht es nur um ganz Großes.
Aber was heißt hier: “nur”? Malicks Filme sind beschrieben worden als Kathedralen und als Gebet, beides ist treffend, und es gibt keinen Zweifel, dass The Tree of Life ein religiöser Film ist, allerdings kein zwingend christlicher, eher ein pantheistischer. Die Zeit im Kinosessel verbringt man in Ehrfurcht. Der Glaube an etwas Erhabenes, sei es Gott, sei es die Kunst. Oder eben die Liebe. Und vielleicht ist es gerade der manchmal so ziellos scheinende Impressionismus, der so für den Film einnimmt. Als Lackmustest versuche man sich nur einmal vorzustellen, wie ein nach klassischem Muster gebautes Drehbuch versuchen würde, diese letzten Dinge zu vermitteln.
Ich verlasse das Kino mit einer ambivalenten Gefühlsmischung aus instinktiver Bewunderung und einem reflektierten „Ja, aber!“. Es hilft nur eins: So schnell wie möglich ein zweites Mal sehen!
***
The Tree of Life in der Internet Movie Database
Kinostart: 16. Juni
Bilder: ©Concorde Filmverleih

Szenenbild_12(700x466).jpg

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.