Oscars 2010: Was man noch sehen muss (und auch kann)
2. Februar 2010
Ein paar veränderte Regeln der US-Filmakademie – und wohl auch der Zufall – führen dazu, dass man dieses Jahr in Deutschland verhältnismäßig viele der nominierten Filme schon kennen kann.

In den USA auf Oscar-Kurs, in Deutschland noch völlig unbekannt: Precious: Based on the Novel Push by Sapphire
Von den zehn Filmen, deren Nominierung für den Academy Award als best picture heute bekanntgegeben wurden, sind acht bereits in Deutschland gelaufen oder laufen noch rechtzeitig vor der Verleihung an:
Avatar läuft schon längst und bricht auch hier den ein oder anderen Rekord.
The Hurt Locker lief tief verborgen im vergangenen Jahr mit leider nur knapp über 55.000 Besuchern. Die DVD/Blu-Ray ist erschienen und sei jedem ans Herz gelegt. Avatar und Hurt Locker (dt. Titel: Tödliches Kommando) liefern sich mit jeweils neun Nominierungen übrigens das spannendste Duell.)
Die Inglourious Basterds ziehen seit dem Sommer durch Deutschland und sind ebenfalls schon in die DVD-Verwertungskette eingetreten.
Das gleiche gilt für Oben, seit Beauty and the Beast (1991) erst der zweite Animationsfilm mit einer Nominierung als best picture
District 9 ist aus den Kinos bereits draußen und
A Serious Man ist gerade drin.
Up in the Air und An Education starten noch in diesem Monat (am 4. bzw. 18.2.)
Übrig bleiben nur The Blind Side mit Sandra Bullock, und Precious: Based on the Novel Push by Sapphire, die beide erst am 18. März nach Deutschland kommen, also gut zehn Tage nach der Oscar-Verleihung.
Nur zwanzig Prozent dieses Jahrgangs kann man also auf legalem Wege und ohne Flugticket oder Pressevorführung nicht kennen. Das ist recht erfreulich, denn gewohnt ist man anderes. Die Filme werden von den Produzenten oft erst spät ins Kino gebracht, damit sie zu Beginn der Awards Season noch gut im Gedächtnis sind; bis zum deutschen Starttermin dauert es dann oft zu lange. Hat die Erhöhung der Nominierungen von fünf auf zehn in diesem Jahr und der spätere Termin für die Oscar-Gala (März statt Februar) dazu beigetragen, dass man aus deutscher Sicht dieses Mal weniger ahnungslos zuschauen muss? Ja und nein.
Im vergangenen Jahr waren der Sieger Slumdog Millionaire und Der Vorleser erst nach der Verleihung zu sehen, Frost/Nixon, Milk und Benjamin Button kamen rechtzeitig ins Kino. Das sind 40 Prozent Unbekanntes, also doppelt so viel wie 2010. 2008 sah es noch schlimmer aus. Drei von fünf Filmen, darunter wieder der Sieger (No Country for Old Men), erzeugten hierzulande ahnungsloses Schulterzucken, das sind 60 Prozent. Anders als dieser Eindruck nahe legt, war das aber nicht die Regel. Nur ein Jahr zuvor, 2007, waren alle fünf Filme rechtzeitig angelaufen: The Departed, der Sieger, sogar fast drei Monate vor der Verleihung. 2006 war die Quote dann wieder zwei gegen drei. Und wenn man ganz weit zurückblicken will: 1976, als Einer flog über das Kuckucksnest zum besten Film gekürt wurde, musste das deutsche Publikum nur auf einen einzigen Konkurrenzfilm warten, auf den aber ein geschlagenes halbes Jahr: Stanley Kubricks Barry Lyndon.
Am Baum hängen vs. Baum umarmen vs. Bäume ausreißen
12. Januar 2010
Über Süt, Avatar, Soul Kitchen und Wo die wilden Kerle wohnen
Am Donnerstag läuft “Süt” an, der neue Film von Semih Kaplanoğlu. Kaplan wer? Die Frage ist verständlich, von den vier abendfüllenden Filmen Kaplanoğlus ist “Süt” nämlich erst der zweite, der in Deutschland ins Kino kommt. Er sei hiermit nachdrücklich empfohlen. Ausführliches dazu habe ich für critic.de geschrieben, außerdem ein Interview mit dem Regisseur geführt. Ein Auszug:
Kaplanoğlu: In der Region, in der der Film spielt, gibt es Seen, in denen kleine Schlangen leben. Wenn die Landarbeiter sich im Sommer über Nacht auf die Felder legen, passiert es tatsächlich, dass die Schlangen den Menschen in den Rachen kriechen. Um sie aus dem Körper herauszulocken, wird Milch gekocht, denn Schlangen mögen Milch.
critic.de: Man wacht nicht davon auf, wenn einem eine Schlange in den Mund kriecht?
Kaplanoğlu: Es sind kleine Schlangen, und sie sind sehr schnell und haben eine sehr feuchte Haut.
Wenn Ihre Phantasie von diesen Beschreibungen angeregt wurde, sollten Sie sich den Film wirklich ansehen. Die Szene mit einer kopfüber vom Baum hängenden Frau über einem dampfenden Topf Milch kommt gleich am Anfang.
Und warum noch?
Kaplanoğlu gehört zur jungen Generation türkischer Filmemacher, zu der auch der bekanntere Nuri Bilge Ceylan gehört. Mit diesem gemein hat er auch eine Vorliebe für sehr lange, statische Einstellungen bei weit reichender Vermeidung von Dialog. Kaplanoğlu ist ein Vertreter des slow cinema, das international in den letzten Jahren zu einiger Bedeutung gelangt ist: Jia Zhangke und Apichatpong Weerasethakul sind, um Vertreter aus verschiedenen Ländern zu nennen, nur zwei der bekanntesten Namen, die zudem mit Kaplanoğlu das Schicksal der Unausprechlichkeit für westliche Zungen teilen. Der kürzlich an dieser Stelle besprochene James Benning gehört auch dazu, betreibt dieses Geschäft aber schon wesentlich länger, und natürlich Béla Tarr.
Es sind Autoren und Filme, die dem Kino des 21. Jahrhunderts eine gewisse Spiritualität verleihen, die nicht zwangsläufig religiös daherkommt und gewiss nicht esoterisch, sondern, ganz praktisch, die Erfahrung des Sehens betont und der in vielen modernen Filmen bis zur Unkenntlichkeit zersplitterten, zerhackten und komprimierten Zeit – selbige ist der wichtigste Baustein in den Poetiken dieser Künstler – ihre Form zurückgibt.
Kaplanoğlu, der sich in dieser Hinsicht auf den Buddhismus und den islamischen Sufismus bezieht, verlangt seinen Zuschauern manchmal durchaus Geduld ab; man wird aber, wenn man die Augen aufmacht, entschädigt durch Momente leiser Komik und durch das ein oder andere grandios komponierte Bild (die letzte Einstellung von Süt ist ein solches, trotz seiner Statik vergehen die viereinhalb Minuten, die es dauert, wie im Flug.).
Avatar: Ein Kontrastprogramm zu Süt, ganz klar. Viele scheinen tatsächlich emotional ergriffen zu sein von James Camerons neuem Erfolgreichster-Film-aller-Zeiten-Film. Kommentare wie dieser einer Kinogängerin, die sich “Wikimädel” nennt, sind derzeit häufig im Internet zu finden: “Ich war gestern in dem Film und ich bin die Bilder immer noch nicht losgeworden und auch nicht die Gefühle, die in mir hochkamen. Und das Gleiche hätte ich wohl auch in 2D empfunden!” Wegen der angeblich so umwerfenden Schönheit des Planeten Pandora werden viele Zuschauer sogar von Depressionen geplagt, weil ihnen ein Leben dort wegen akuter Nicht-Realität verwehrt bleibt. Ist kein Witz, steht so bei CNN.
Dazu kommt, dass in meinem Umfeld ungewöhnlich viele Frauen, die sonst gewiss nicht für Action- und Science-Fiction-Kracher zu begeistern sind, sich sehr positiv geäußert haben. Das macht Avatar nicht zu einem Frauenfilm, denn die meisten Männer mögen ihn ja auch. Aber er scheint eine Art Nerv zu treffen, wie vielleicht kein Film dieser Art seit Star Wars mehr, dessen Dualismus von dunkler und heller Seite der “Macht” dem, mit Verlaub, reichlich plakativ ausgespielten Gegensatz Natur-Technik in Avatar recht nahe steht.
Dass all das für viele Zuschauer die Faszination mit der 3D-Technik zu überbieten scheint, ist recht eigentlich erstaunlich. Denn die war wirklich sensationell, wenn auch nicht nachhaltig. Im Verlauf der mehr als zwei Stunden des Films kommt man dahinter, dass Cameron immer wieder sehr ähnliche Einstellungen verwendet, um den räumlichen Effekt zwar nicht dem Zuschauer um die Ohren zu hauen, aber doch ihn immer wieder mit der Nase darauf zu stoßen: Zahlreiche Szenen spielen in einem länglichen Raum, der die Leinwand nach hinten öffnet, fast wie in einer Zeichenübung für Perspektivführung. Trotzdem toll zu sehen, aber der Wille, gleich noch mal ins Kino zu rennen, will sich bei mir nicht einstellen. Ich bin auch kein Freund der Konvergenz zwischen Film und Videospiel, weswegen ich mit der Avatar-Metapher nicht allzuviel anfangen konnte und auch nicht mit den zahlreichen morphologisch chaotischen Monstern, die sich jeweils darin überbieten, wie ein Endgegner im obersten Spiellevel auszusehen.
Soul Kitchen: Mein letzter Film 2009. So wie die Orgienszene viel zu brav ist, so ist der ganze Film etwas enttäuschend, wenn auch sympathisch und unterhaltsam. Ich hätte mir eher eine Methode wie die des Knochen knackend geraderückenden türkischen Wunderdoktors gewünscht als die Wellness-Therapie, die Fatih Akin hier anbietet. Kurz: mehr ziellose Energie bitte, weniger dramaturgische Abkürzungen.
Wo die wilden Kerle wohnen hat Spaß gemacht. “Ein Jungsfilm”, meinte meine etwas gelangweilte weibliche Begleiterin durch Kino und Leben. Mag sein. Ich fühlte mich zwischen den raufenden und stampfenden Zottelmonstern (die mir ästhetisch wesentlich mehr zusagten als die aus Avatar) jedenfalls sehr wohl und ziehe das leidenschaftliche Bäumeausreißen der Wilden Kerle ganz klar dem gefühlvollen Baumumarmen der Na’vi vor.
26 Momente 2009
11. Dezember 2009
Keine Best-Of-Liste, sondern eine subjektive Erinnerung an 26 Kinomomente, die sich eingeprägt haben. Ausgewählt aus jenen 82 in diesem Jahr im Kino in Deutschland angelaufenen Filmen, die ich gesehen habe – in der Reihenfolge ihres Starttermins:
Die den Menschen passend machende Industrialisierung, klug gefasst in ein einziges Bild: Benno Fürmann als Gefangener der Gurkenernte-Maschine in Christian Petzolds Jerichow.
Die Katze in Bolt, die dem Hund das Hund-Sein beibringt und dabei herrlich gelangweilt dreinschaut.
Die um sich selbst kreisende Ballerei im Guggenheim-Museum (The International, Tom Tykwer).
The Wrestler (Darren Aronofsky): “Yeah, the Nineties sucked!” Ein Satz, den man niemandem so sehr glaubt wie Mickey Rourke:

Die Commodores, On the Nightshift, und eine der schönsten Kneipenszenen seit langem: 35 Rhums von Claire Denis.
Eastwoods Knurren in Gran Torino.
Der Vorspann von Watchmen: Ein Tableau, das das Beste aus den Welten von Comic und Film vereint.
Der beherzte Sprung unter den Donnerbalken in Slumdog Millonaire (Danny Boyle).
Der persische Puffbesitzer in Romuald Karmakars Beitrag zum Episodenfilm Deutschland 09.
Rachels Hochzeit von Jonathan Demme: die Geschirrspüler-Szene!
Die Streichholzbriefchen der Marke Le Boxeur, mit dem kleinen Boxer-Bild darauf, in Jim Jarmuschs The Limits of Control.
“Ich hasse dich! Ruf mich nie wieder an!” – Birgit Minichmayr und das Kind in der ersten Szene von Alle Anderen (Maren Ade).
State of Play – Stand der Dinge von Kevin Macdonald: der Abspann in der Druckstraße, von der Seitenbelichtung bis zur fertigen Zeitung, ein Plädoyer für das gedruckte Wort, ein trauriger und trotziger Abgesang.
Das Haus mit Autobahnanschluss in Home (Ursula Meier).
Die hart arbeitenden Stars in 9 to 5 – Days in Porn von Jens Hoffmann.
Zerrissene Umarmungen von Pedro Almodovar: Wie Penelope Cruz ihren Liebhaber ansieht, lächelnd, herausfordernd, amüsiert.
Ein flacher 3D-Effekt mit unerwarteter Tiefe: das Mädchen hinter dem Fenster, an dem die Regentropfen abperlen in Coraline.
Glaube Hoffnung Liebe in Love Exposure.
Mélanie Laurent, für mich eine der Entdeckungen des Jahres, sitzt in einem Restaurant dem Mann gegenüber, der ihre Familie ermorden ließ. Er stellt Fragen, sie antwortet knapp. Er bestellt Apfelstrudel. Er fragt, ob sie ein Glas Milch möchte. Als er geht, bleibt sie allein am Tisch zurück. Dann atmet sie aus. Aber wie! (Inglourious Basterds von Quentin Tarantino, in dem es viele bleibende Momente gibt, unter anderem noch die Aschenputtel-Szene zwischen Christoph Waltz und Diane Kruger, worin der am Tatort gefundene Schuh mit einem schnappenden Geräusch ihren Fuß umschließt – was ihrem Todesurteil gleichkommt.)
Chéri: Michelle Pfeiffer, die sich beim Telefonieren gedankenverloren an der schlaffer werdenden Haut unter dem Kinn zieht.
Lars von Triers Antichrist, am Anfang: Wie die Zahnbürste in extremer Zeitlupe zart auf Charlotte Gainsbourgs Oberarm fällt und diesen in langsamen Wellen erzittern lässt. Die gesichtslosen Frauen, die über einen Hügel gehen, am Ende.
Ein ganzes Eheleben in vier Minuten und vierzehn Sekunden (Oben):
Der böse Blick des kleinen Jungen, der den Tod nicht akzeptieren will, in Das weiße Band (Michael Haneke)
Blut und Scheiße: Durst (Park Chan-wook) und Hunger (Steve McQueen)
Kapitalismus: eine Liebesgeschichte: “Don’t make any more movies”, sagt der Sicherheitsbeamte vor der Bank zu Michael Moore, als der um Rat fragt.
Großartige Kneipenszenen, Teil II: In This is Love (Matthias Glasner) sitzt die Harfouch sturzbetrunken an der Theke und singt “God help me please”.
